Was deine Atmung mit dem Beckenboden zu tun hat

Kaum eine Sache läuft wohl so automatisiert ab wie unsere Atmung.
Einatmen – Ausatmen.
Wir tun das 20.000 Mal am Tag – ganz ohne nachzudenken.
Aber was, wenn dieser scheinbar nebensächliche Prozess viel mehr reguliert, als du ahnst?
In diesem Blogartikel schauen wir uns an, wer oder was eigentlich hinter unserer Atmung steckt und was das alles mit unserem Beckenboden zu tun hat. Und keine Sorge: ich langweile dich hier nicht mit der genauen Physiologie des Lungeninnenlebens. Lass uns das Ganze mal aus einer physiotherapeutischen Perspektive betrachten 🙂

Es gibt 2 Ereignisse, von denen (möchte ich behaupten) jeder Mensch weiß, dass sie tödlich enden.
Wenn das Herz aufhört zu schlagen und wenn wir nicht mehr atmen können.
Dass Atmung notwendig fürs Überleben ist, ist also nichts neues für uns. Wer schon einmal unter Atemnot gelitten hat, weiß, wie beängstigend sich das anfühlt, keine Luft zu bekommen. Essenziell. Grundsätzlich. Man fürchtet buchstäblich um sein Leben…
Für die meisten von uns ist das glücklicherweise eher eine Ausnahmesituation. Es gibt allerdings einige Krankheitsbilder, die mit chronischer Atemnot einhergehen: COPD, Asthma bronchiale oder auch eine chronische Bronchitis kann zu einem dauerhaften „Ringen“ nach Luft werden. Betroffene wissen, wie unfassbar allumgreifend eine solche Erkrankung ist – betrifft sie doch jede Minute eines jeden Tages. Diese eine Sache, die bis dato vollkommen automatisch und nebenbei ablief, übernimmt auf einmal die Kontrolle über das gesamte Leben.
Und obwohl Atemwegserkrankungen nicht gerade selten sind, weiß dennoch kaum jemand wirklich bescheid, wie dieser Prozess des „Luft-holens“ eigentlich genau funktioniert.
Höchste Zeit, das mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wer oder was steuert unsere Atmung eigentlich?

Atmung wirkt banal. Einatmen, ausatmen. Passiert einfach. Meist unbemerkt, meist zuverlässig, meist ohne unser Zutun. Und genau deshalb wird sie oft unterschätzt. Den Impuls zur Ein- und Ausatmung erhalten wir zumeist recht pünktlich per Automail von unserem Atemzentrum im Gehirn, genauer gesagt im Hirnstamm. Dieser Bereich steuert ganz unbemerkt im Hintergrund unsere Atmung, indem er Frequenz und Tiefe an den jeweiligen Bedarf anpasst. Er reguliert den rhythmischen Wechsel von Ein- und Ausatmung, reagiert auf den CO2-Gehalt im Blut und kann durch Emotionen oder bewusste Steuerung mit beeinflusst werden.
In der Ausführung ist Atmung meistens kein Luftproblem, sondern ein Bewegungsproblem. Luft folgt Bewegung. Genauer gesagt: der Bewegung unseres Brustkorbs und vor allem der Aktivität unserer Atemmuskulatur.1

Der wichtigste Akteur dabei ist das Zwerchfell. Es ist ein großer, kuppelförmiger Muskel, der Brust- und Bauchraum voneinander trennt und an Rippen, Brustbein und Wirbelsäule befestigt ist. Beim Einatmen kontrahiert es, senkt sich nach unten und vergrößert dadurch das Volumen des Brustkorbs. Der so entstehende Unterdruck sorgt dafür, dass Luft in die Lungen einströmen kann. Beim Ausatmen entspannt sich das Zwerchfell, bewegt sich wieder kopfwärts und ermöglicht so die passive Ausatmung. Du kannst es dir ein bisschen so vorstellen wie einen Gleitschirm.2

Unterstützt wird diese Bewegung durch die Zwischenrippenmuskulatur sowie durch tiefe Bauch- und Rückenmuskulatur, die gemeinsam den Druck im Bauchraum regulieren.
Atmung ist somit kein isolierter Vorgang, sondern ein fein abgestimmtes Zusammenspiel mehrerer Muskelgruppen. Fein orchestriert von unserem Gehirn.3

Warum die Atmung so häufig nicht rund läuft

Die meisten Menschen mit Atemproblemen leiden nicht an klassischen Lungenerkrankungen. Und trotzdem zeigen viele von ihnen eine eingeschränkte, ineffiziente oder verspannte Atmung. Ursache dafür ist häufig kein strukturelles Problem der Lunge, sondern eine funktionelle Einschränkung des Atemapparates.

Langes Sitzen, eine geringe Beweglichkeit der Brustwirbelsäule, chronisches „Bauch-einziehen“, Stress und emotionale Daueranspannung führen dazu, dass das Zwerchfell seine physiologische Beweglichkeit verliert. Die Atmung verlagert sich zunehmend in den oberen Thorax, das Atemvolumen nimmt ab, das Ausatmen wird verkürzt und wir haben das Gefühl, eigentlich nie so richtig genug Luft zu bekommen.4

Studien zeigen, dass eine reduzierte Zwerchfellbewegung mit einer erhöhten Aktivität des sympathischen Nervensystems einhergeht. Dieser ursprüngliche, unwillkürliche Anteil unseres Nervensystems sitzt in unserem Körper am Hebel, wenn wir Stress haben. Evolutionstechnisch gesehen, hatte das den Sinn, uns vor Gefahren zu beschützen und unser Überleben zu sichern. So erhöht der Sympathikus unter anderem die Durchblutung unserer Muskulatur & unseren Herzschlag, schärft unseren Blick und versetzt den Körper in einen „Flucht-Modus“. Der hat es uns früher beispielsweise ermöglicht, schnell vor Angreifern wegzulaufen oder den letzten Sprint hin zum Erlegen unserer Beute zu schaffen. Heutzutage müssen wir aber nur noch sehr selten wirklich vor Angreifern davonlaufen. Viel eher müssen wir uns schnell einen schlagfertigen Konter zum bissigen Kommentar unseres Kollegen überlegen oder sind anderem mentalem Stress ausgesetzt. Dieser ruft in uns eine ähnliche sympathische Reaktion hervor, nur, dass anders als in der Steinzeit, eigentlich gar keine „physische“ Bedrohung mehr existiert.
Der Körper verharrt also bei verminderter Zwerchfellbeweglichkeit in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft – ein Zustand, der zwar kurzfristig leistungsfähig macht, langfristig jedoch Regeneration, Schmerzverarbeitung und muskuläre Balance beeinträchtigt.5

Wenn das Zwerchfell festhängt – und der Beckenboden übernimmt

Funktionell betrachtet bildet das Zwerchfell gemeinsam mit der tiefen Bauchmuskulatur, der autochthonen Rückenmuskulatur und dem Beckenboden ein Druckregulationssystem. Innerhalb dieses Systems nimmt der Beckenboden eine Schlüsselrolle ein.

Zwerchfell und Beckenboden liegen sich horizontal gegenüber und bewegen sich bei gesunder Funktion synchron: Beim Einatmen senkt sich das Zwerchfell, der intraabdominelle Druck steigt leicht an. Der Beckenboden gibt elastisch nach und fängt den ankommenden Druck sanft auf. Beim Ausatmen kehrt sich diese Bewegung um.

Ist die Beweglichkeit des Zwerchfells eingeschränkt, kommt es zu einer veränderten Druckverteilung im Bauchraum. Der Beckenboden ist gezwungen, diese Dysbalance auszugleichen – er erhöht entweder seine Grundspannung und versucht brav auszugleichen; oder er schmollt und vermindert seine Aktivität ebenfalls. Beides kann langfristig zu Beschwerden wie Schmerzen, Inkontinenz, Druckgefühlen oder Instabilität beitragen.

Mehrere Studien konnten zeigen, dass Personen mit chronischen Rückenschmerzen oder Beckenbodenproblemen häufig eine veränderte Zwerchfellfunktion und Atemmechanik aufweisen.67

Hat die Atmung Einfluss auf Schmerzen und andere Beschwerden?

Der Zusammenhang zwischen Atmung, Nervensystem und Schmerzverarbeitung ist gut untersucht. Eine langsame, tiefe Atmung mit verlängerter Ausatmung erhöht die parasympathische Aktivität und wirkt sich positiv auf Muskeltonus, Stresslevel und Schmerzempfinden aus. Der Parasympathikus ist quasi unser „Entspannungssystem“ und gehört, genau wie der Symphatikus zu unserem unwillkürlichen Nervensystem. Er wird aktiv, wenn wir uns wohl und sicher fühlen.

Umgekehrt steht eine flache, schnelle Atmung mit reduzierter Zwerchfellbewegung in Zusammenhang mit erhöhter Muskelspannung, verminderter Körperwahrnehmung und einer gesteigerten Schmerzverarbeitung. Besonders bei chronischen Beschwerden – etwa im unteren Rücken, im Becken oder im Bereich der Wirbelsäule – spielt dieser Mechanismus eine zentrale Rolle.

Atmung ist damit kein begleitendes Nebendetail, sondern ein relevanter, therapeutischer Ansatzpunkt.

Was hilft wirklich?

Ziel therapeutischer Interventionen ist nicht die bewusste Kontrolle der Atmung, sondern die Wiederherstellung ihrer natürlichen Automatik. Dies gelingt vor allem dann, wenn strukturelle Einschränkungen gelöst– und dem Nervensystem Sicherheit vermittelt werden.8

Eine verbesserte Beweglichkeit der Brustwirbelsäule ermöglicht eine freiere Zwerchfellbewegung. Die Reduktion chronischer Muskelspannung – insbesondere im Bauch- und Thoraxbereich – entlastet das gesamte Drucksystem. In der Folge kann sich auch der Beckenboden besser regulieren.

Oft sind es keine komplexen Atemtechniken, sondern einfache, wiederholte Reize wie Mobilisation, Berührung, bewusste Pausen und Zeit, die dem System erlauben, in eine gesündere Regulation zurückzufinden.9

Fazit

Atmung ist weit mehr als ein Gasaustausch. Sie ist Bewegung, Regulation und Verbindung. Das Zwerchfell steht dabei im Zentrum eines funktionellen Zusammenspiels zwischen Atemmechanik, Nervensystem, Haltung und Beckenboden. Wer Atmung versteht, versteht viele Beschwerden neu – und schafft die Grundlage für nachhaltige Veränderung.

Quellen
  1. Bordoni, B., & Zanier, E. (2013). Anatomic connections of the diaphragm influence of respiration on the body system. Journal of Multidisciplinary Healthcare, 6, 281–291. https://doi.org/10.2147/JMDH.S45443 ↩︎
  2. Chaitow, L., Bradley, D., & Gilbert, C. (2014). Multidisciplinary Approaches to Breathing Patterns Disorders. (2025). ResearchGate. https://doi.org/10.1016/S1479-2354(03)00042-7 ↩︎
  3. Hodges, P. W., & Gandevia, S. C. (2000). Activation of the human diaphragm during a repetitive postural task. The Journal of Physiology, 522 Pt 1(Pt 1), 165–175. https://doi.org/10.1111/j.1469-7793.2000.t01-1-00165.xm ↩︎
  4. Courtney, R. (2009). The functions of breathing and its dysfunctions and their relationship to breathing therapy. International Journal of Osteopathic Medicine, 12(3), 78–85. https://doi.org/10.1016/j.ijosm.2009.04.002 ↩︎
  5. Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory. Abgerufen 15. Dezember 2025, von https://wwnorton.com/books/The-Polyvagal-Theory/ ↩︎
  6. Kolar, P., Sulc, J., Kyncl, M., Sanda, J., Cakrt, O., Andel, R., Kumagai, K., & Kobesova, A. (2012). Postural function of the diaphragm in persons with and without chronic low back pain. The Journal of Orthopaedic and Sports Physical Therapy, 42(4), 352–362. https://doi.org/10.2519/jospt.2012.3830 ↩︎
  7. Janssens, L., Brumagne, S., Polspoel, K., Troosters, T., & McConnell, A. (2010). The effect of inspiratory muscles fatigue on postural control in people with and without recurrent low back pain. Spine, 35(10), 1088–1094. https://doi.org/10.1097/BRS.0b013e3181bee5c3 ↩︎
  8. Courtney, R. (2009). The functions of breathing and its dysfunctions and their relationship to breathing therapy. International Journal of Osteopathic Medicine, 12(3), 78–85. https://doi.org/10.1016/j.ijosm.2009.04.002  ↩︎
  9. Kapreli, E. et al. (2009). Respiratory Dysfunction in Chronic Neck Pain Patients. A Pilot Study. Cephalalgia : an international journal of headache, 29, 701–710. https://doi.org/10.1111/j.1468-2982.2008.01787.x ↩︎

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